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Brief des Zauberlehrlings (Rudolf Merbach) Drucken E-Mail

 

Goethes Zauberlehrling kennen Generationen von Schülern. Er wurde millionenfach auswendig gelernt und rezitiert. Doch was fühlte dieser mutige Geselle, als er seine Selbstüberschätzung bemerkte? Rudolf hat diesbezüglich folgendes formuliert.
 

Lieber Carlo,                                                                                                   2. September 212

 
ich erzählte dir doch von meinem Zauberlehrgang. Nun bin ich hier und habe etwas erlebt, das du mir nicht glauben wirst. Gestern ging mein Hexenmeister auf den Marktplatz, um einzukaufen. Ich probierte derweil, mir ein Bad einzulassen. Da unsere Wasserleitung seit Langen kaputt ist und mein meister es schätzt, wenn ich mich körperlich ertüchtige, hätte ich das Wasser vom Fluss selbst holen müssen. Eimerweise!!! Der Meister ließ sich sein Wasser bisher immer holen und ich – schlau wie ich bin – merkt mir den Zauberspruch und kurz darauf stand ein Besen vor mir. Ich sprach die magischen Worte und er flitzte mit zwei Eimern zum Fluss. Ich ruhte mich etwas aus und als ich sah, dass er schon fast die ganze Wohnung gefüllt hatte, probierte ich ihn aufzuhalten, aber ich hatte das Wort vergessen, womit ich das vermochte. Langsam wurde ich unruhig, da der Besen auch nicht von allein aufhörte. Nun war der ganze Boden des Hauses geflutet. ich wusste, wenn ich nichts unternehme, dann … . Ich suchte eine Weile und fand schließlich eine Axt. ich stellte mich neben der Tür an die Wand und wartete auf den Besen. Als er angesaust kam, schmiss ich mich auf ihn und schlug ihn entzwei. Ich saß auf dem nassen Boden und war sehr erleichtert. Auf einmal merkte ich, dass es den Besen nicht zu interessieren schien, ob ich ihn spalte oder nicht. Schnell sprang er auf und sauste wieder los. Ich war völlig verzweifelt und rief den Meister, der dann auch kam und in dunkler Tonlage die magischen Worte sprach. Der Besen brach scheppernd zusammen. Mein Meister war ziemlich sauer, aber die Wut wurde bald zum Vergnügen, weil ich per Hand das ganze Haus vom Wasser befreien musste. Ich werde nie wieder ohne beigelegtes Zauberbuch zaubern, denn das war eine Lehre, die sich wortwörtlich gewaschen hatte.
 
Dein Rudolf!
 

PS: Ich putze immer noch!